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Vom Nutzen Internationaler Bauausstellungen

Stärkung regionaler Entwicklungskräfte und Identitäten – Ergebnisse eines städtebaulichen Colloquiums an der TU Darmstadt

Darmstadt 5.5.2006. Aufschlussreiche Erkenntnisse zu den Wirkungen Internationaler Bauausstellungen (IBA) vermittelte jetzt ein Städtebauliches Colloquium , das von der Fachgruppe Stadt der Technischen Universität Darmstadt (TUD) im Darmstädter Residenzschloss vor rd. 100 Experten aus Architektur, Kommunalpolitik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie interessierten Studenten ausgerichtet wurde. Prof. Julian Wékel, Fachgebiet Entwerfen und Regionalentwicklung der TUD, verwies auf die Tradition des Städtebaulichen Colloquiums an der TUD, die in die 50er Jahre zurückreiche. Später habe das Colloquium eine internationale Ausweitung erfahren und sei interdisziplinär ausgerichtet worden - z. B. Einbeziehung von Verkehrsfragen und soziologischen Aspekten (Mitscherlich). Ausserdem wurden Fragen der Darmstädter Stadtentwicklung (Darmstädter Innenstadtgestaltung) diskutiert. Das Colloquium sei eine Brücke zwischen Praxis und Wissenschaft mit kritischer Auseinandersetzung zu den einzelnen aktuellen Themen.

Die Wiederaufnahme dieser grossen Tradition ist nunmehr durch die Unterstützung der "Wiechers Stiftung: Städte für Menschen" ermöglicht worden. Zugleich fand damit die Auftaktveranstaltung dieser nunmehr von Rüdiger Wiechers - den rührigen Gründungs- und langjährigen Marketingvorstand der Allianz Dresdner Bauspar AG und jüngst in Bad Vilbel gewählten Stadtrat für Wirtschaftförderung und Stadtentwicklungsfragen - errichteten bürgerlichen Stiftung statt. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, durch Unterstützung von Projekten zur Bewahrung und Weiterentwicklung des hohen Kulturguts der "Europäischen Stadt" - Keimzelle der Bürgerlichen Freiheiten, von Innovationen, Kreativität, Wirtschaftsentwicklung und sozialen Lebensformen - beizutragen. Das soll insbesondere auch geschehen in Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt bei Vorhaben zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. "Das gewählte Diskussionsthema eines IBA-Projektes für die bedeutende Metropolregion FrankfurtRheinMain erscheint da als eine sehr geeignete Gelegenheit, die Stiftungsarbeit aufzunehmen", so Wiechers anlässlich des Empfangs der Stiftung vor den Teilnehmern des Colloquiums. (s. a. www.staedte-fuer-menschen.de)

Der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann wies denn auch in seinen Ausführungen darauf hin, dass heute im Allgemeinen "das Loblied auf die Regionen gesungen" werde, "Erfolge freilich auf kommunaler Ebene zählen". Das gilt auch für das polyzentrische Rhein-Main-Gebiet mit seinen vielen unterschiedlichen Städten und Gemeinden. Ausserdem hätten die Bewohner erst einmal ein Selbstverständnis als Darmstädter, Wiesbadener, Bad Vilbeler, Frankfurter, Bad Homburger usw. "Aber wir sind gemeinsam aufgrund der inzwischen globalen Lebenszusammenhänge zur Kooperation verurteilt", so der Oberbürgermeister. Er verwies darauf, wie ein Koreaner oder Amerikaner die Region sehe: Darmstadt ist 15 Minuten vom Frankfurter Flughafen entfernt, bis zur Frankfurter Messe sind es keine 10 Kilometer - was seien demgegenüber Los Angeles-Dimensionen!

Bezugspunkt sei damit künftig immer stärker die Region. Hoffmann: "Wir Darmstädter brauchen die Dachmarke ‚FrankfurtRheinMain' als internationales Kennzeichen, national in diesem Rahmen die Teilmarke ‚Wissenschaftsstadt Darmstadt' - das Gehirn von Rhein-Main!" Die Vorzüge der Region: Die Verkehrswege, der Flughafen, Wissenschaft und Forschung, die Kulturlandschaft. Darmstadt braucht FrankfurtRheinMain und umgekehrt. Daher werde die Region "Starkenburg" aufgelöst und in der Region Rhein-Main-Neckar aufgehen. Ein Rhein-Neckar-Raum sei übrigens nur aufgrund der Bedeutung des Frankfurter Flughafens möglich! Ausserdem werde Darmstadt in die Kulturregion Rhein/Main eingebunden.

Der Vizepräsident der TUD, Prof. Reiner Anderl, verwies in seinen Ausführungen auf das Rollenverständnis der Wissenschaft als Impulsgeber für die Region. Mit 18 000 Studierenden, mit einem Ausländeranteil von beachtlichen 22% (Bundesschnitt 9%) sei die TUD zugleich die erste autonome Universität Hessens, eine selbstständige, eigenverantwortliche Universität mit öffentlichem Auftrag. Stadtforschung ist einer der Schwerpunkte der Forschung der TUD in partnerschaftlicher Zusammenarbeit auch auf internationaler Ebene.

Prof. Jochem Jourdan präsentierte sodann den Stand seiner Überlegungen für eine IBA im Rhein-Main-Gebiet. Jourdan:" Bauausstellungen sind stets ein Prozess, so auch diese IBA. Es entwickelt sich eine lernende Region über die Dauer der 10 Jahre, für die die IBA angesetzt werden soll. Die realisierten Städtebau-, Landschafts- und Kultur-Projekte schaffen ein zunehmendes Bewusstsein für regionales Denken, für Gemeinsamkeiten und die Verknüpfungen einer Region, ein Netzwerk von Menschen." Das ist die Kernbotschaft seiner IBA-Konzeption, für die Jourdan derzeit eine Machbarkeitsstudie im Auftrag des Landes Hessen, der Kulturinitiative RheinMain e.V. und der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain e.V. erstellt. Eine IBA im Rhein-Main-Gebiet knüpft an die grosse Tradition von Bauausstellungen an: Darmstadt 1901, Stuttgart 1927, Berlin 1957 und 1984-87, Emscher-Park 1989-1999, Fürst-Pückler-Land 2000-2010 und Hamburg ("Sprung über die Elbe") bis 2013. Jourdan verweist auf das entstehende Netzwerk der Metropolregionen in Europa, die gleichzeitig in einem zunehmenden Wettbewerb untereinander stehen. Das Rhein-Main-Gebiet müsse sich in diesem Wettbewerb behaupten, was nicht ohne erhebliche Anstrengungen erreicht werden könne. Allerdings zeige die Geschichte der Region seine Bedeutung über die Jahrhunderte seit der Keltischen Zeit: der ersten Stadtgründungen (Mainz etc.)in der Römerzeit, der Pfalzgründungen in der Zeit der Karolinger, der mittelalterlichen Stadtgründungswellen, der bedeutenden Bauten des Jugendstils (Darmstadt, Bad Nauheim etc.) und der vielfältigen, herausragenden Beispiele moderner Architektur. Die Region verfüge im Übrigen über einen der leistungsstärksten Internetknoten weltweit, was die Bedeutung als Drehscheibe klassischer Verkehrswege zu Wasser, zu Lande und in der Luft eindrucksvoll komplettiert. Hinzu kommt die Hochschul-, Kultur- und Museumslandschaft von besonderer Qualität.

Die Metropolregion mit seinen rd.5 Millionen Einwohnern kann sich auch flächenmässig mit den grossen Ballungsräumen von Paris bis Moskau messen. Von Bedeutung ist darüber hinaus der grossartige Natur- und Landschaftsraum besonderer Prägung vom Rheingau bis zum Spessart und von der Wetterau bis zur Bergstrasse. Jourdan: "Nicht zuletzt dieser Aspekt hat mich bewogen, den Begriff ‚Landschaftsstadt' als Arbeitstitel für die IBA Rhein-Main zur Definition eines neuen Verbundes von Städten und Natur zu wählen. Hier entsteht auch die Aufgabe einer Gestaltung der Stadtränder in Weiterführung der Diskussion um Stadtgestaltungsformen aus der Vergangenheit von der ‚gegliederten' über die ‚autogerechte' Stadt zu neuen Modellen nachhaltiger Stadtregionen". In eine IBA für das Rhein-Main-Gebiet können dabei schon begonnene oder geplante Projekte des 21. Jahrhunderts einbezogen werden. Der Neubau der EZB, das Kongresszentrum Darmstadt, die Umgestaltung der Opelstadt, der Quellenpark Bad Vilbel etc. Das gilt ebenso für die für die Rhein-Main Region charakteristischen Hafen-Projekte von Mainz bis Bingen und von Frankfurt bis Aschaffenburg. " Die Aufgabe der IBA liegt in einer Vernetzung der Projekte unter einem konzeptionellen Dach zur Herausstellung der Exklusivität und Unverwechselbarkeit der Metropolregion FrankfurtRheinMain", so Jourdan.

Die Ausführungen von Erhart Pfotenhauer, verantwortlicher Stadtplaner der IBA Berlin 1984-87 ergeben sich aus seinem beigefügten Wortmanuskript. Es bietet eine ausgezeichnete "Regieanweisung" für eine geplante IBA Rhein-Main.

Anschliessend berichtete Dr. Wolfgang Roters, seinerzeit mit Bauminister Christof Zöpel und dem GF der IBA, Karl Ganser der Koordinator der IBA Emscher-Park über seine Erfahrungen: Voraussetzungen einer erfolgreichen IBA seien u. a. 10 Jahre Durchhaltewille, eine klare Strategie und eine Verankerung des Vorhabens in der Bevölkerung durch starke "bildhafte Gestaltung". Roters: "Es ist eine pure Lust, eine IBA zu machen, ein grosses Abenteuer." Zwar sei eine IBA kein Projekt von der Stange, jede IBA ist ein Massanzug. Freilich kann jede IBA vor seinen Vorgängern viel Wissen aufnehmen." Gewisser Massen wird immer ein Staffelstab weiter gegeben. Es würde sich lohnen, das Wissen zu speichern, um nicht bei jeder IBA von vorne anzufangen. Die IBA Emscher Park stand vor der Aufgabe, ein einzigartiges städtisches Verflechtungsgebiet von 7 Millionen Einwohnern zu strukturieren. Schliesslich war das Ruhrgebiet ohne Gesamtkonzept als Wohnstandorte um die grossen Industriekomplexe entstanden. Nach der Schliessung der Industrieanlagen verblieben die Siedlungsreste (s. das Zöpel-Buch "Weltstadt Ruhr"). Im Mittelpunkt der IBA stand dann auch die Gestaltung eines vernetzten Grünzuges ("grüne Lunge") für das Ruhrgebiet mit "Orientierungspunkten" - aufgrund der "fehlenden Kathedralen". So entstanden die Kulturzentren in Essen (Zeche Zollverein) und Oberhausen (Gasometer), der Tetraeder, etc. In der anschliessend engagiert geführten Diskussion (Leitung: Mechthild Hartung, FAZ Rhein-Main, sie hatte Herr Prof. Wékel noch gewinnen können) wurde insbesondere über die Frage der Ausgestaltung einer IBA Rhein-Main debattiert. Grundsätzlicher Konsens bestand in dem Punkt, das IBA- Projekt zu begrüssen, wenn auch überlegt wurde (Dieter von Lüpke, Stadtplanungsamt Frankfurt) ggf. "einen anderen Gestaltungsrahmen als eine an Baumassnahmen orientierte IBA zu wählen". Es wurde darauf verwiesen (Wiechers), "dass die Region FrankfurtRheinMain schon heute im relativen Vergleich der grossen Metropolregionen an Dynamik verliere. Hier müsse ein sichtbares Zeichen einer aufmerksamstarken Aufbruchstimmung gesetzt werden, um sich nicht aus der Champions-League verabschieden zu müssen."
Dr. Lorenz Rautenstrauch, Regionalpark Ballungsraum Rhein-Main-GmbH: "Vielleicht geht es uns noch nicht so schlecht, dass wir hier wie seinerzeit im Ruhrgebiet ans Werk gehen wollen." Rudolf Raabe, Wirtschaftsministerium Wiesbaden, signalisierte eine konstruktive Einstellung des Landes, wenn eine klare Konzeption präsentiert werde:" Die Region muss sich finden". Zustimmung bei Hans Fürst, Nassauische Heimstätte Frankfurt: " Der wachsende Aussendruck erzeugt die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Region. Wir brauchen ein Instrument der Identifikation, das kann eine IBA mit klarer Ausrichtung und Positionierung sein." Unterstützung wurde auch vom neuen Direktor des Deutschen Architektur Museum, Peter Cachola Schmal signalisiert: "Die bauliche Dimension einer regionalen Klammer ist unverzichtbar, eine IBA schafft über die optische Wahrnehmung die notwendige Identifikation der Bevölkerung mit der Region". Last but not least sei natürlich entscheidend, irgendwann zu starten und nicht nur zu diskutieren (Wiechers).

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